Impressionen aus CA: Die Stade Zeit
(NB: Dieses Weblog wird bald
umziehen. Vorerst werde ich die Einträge
spiegeln.)
Habe gerade gehört, dass es in Deutschland dieses Jahr wahrscheinlich keine weiße Weihnachten geben wird. Einen Trost habe ich dazu: Hier in Pasadena auch nicht. Wettervorhersage für Heilig Abend: 26 Grad Celsius und sonnig. Wir dachten wir fahren am Weihnachtstag an den Strand...
Auch mal ganz abgesehen vom Wetter fällt es hier schwer in die rechte Weihnachtsstimmung zu kommen, dazu ist alles hier zu anders. Obwohl man seit November nicht mehr den Santas, Rudolphs und Jingle Bells entkommen kann, hat man irgendwie den Eindruck, irgendwas passt nicht. Dabei kann man den Kaliforniern nicht mangelnden Enthusiasmus vorwerfen, ganz im Gegenteil. Bei uns schräg gegenüber ist ein Haus, wo wir uns schon immer gewundert haben ob da jemand wohnt. Am Wochenende nach Thanksgiving war das Haus plötzlich von Lichtern bedeckt, aufblasbare Weihnachtsmänner und Schneemänner standen davor und beleuchtete Rentiere tummelten sich auf dem Rasen. Jetzt wäre das schon bemerkenswert, wenn es das einzige Haus wäre, aber nach und nach leuchteten noch viel mehr Häuser in der Nachbarschaft auf. Ganz Amerika ist vom Weltall aus gesehen im Dezember sicher deutlich heller.
Thanksgiving ist hier der Startschuss. Fünf Wochen vor Weihnachten geht der Weihnachtsmarkt los. Der Freitag nach Thanksgiving (immer der letzte Donnerstag im November) ist der umsatzstärkste Tag im US Einzelhandel und trägt deshalb den Spitznamen "Black Friday." Anhand der Verkäufe von diesem Tag werden die "Renner" für den Weihnachtsmarkt bestimmt.
Überall wird aufwändig geschmückt, aber da die Amerikaner eine sehr schizophrene Einstellung zur Religion haben, überwiegen säkulare Symbole wie Santa Claus, Rentiere und der Weihnachtsbaum. Eben dieselbe Schizophrenie (hier nennt man das "political correctness" oder kurz "p.c.") sorgt dafür dass man seit einigen Jahren nicht mehr "Merry Christmas!" wünscht, sondern "Happy Holidays", denn das Gegenüber könnte ja nicht Christ sein. Zum Glück fällt das jüdische Hannukah in ungefähr dieselbe Zeit. Ausserdem wurde auch ein Fest mit afrikanische Wurzeln namens Kwanzaa "entdeckt" (erfunden) damit auch die Menschen, die sonst nicht viel mit spiessigen Traditionen christlichen (weissen) Ursprungs zu tun haben wollen, die Festtage ohne schlechtes Gewissen geniessen können.
Weihnachten läuft hier etwas anders ab. Zwar kommt Santa Claus auch in der Weihnachtsnacht und bringt die Geschenke, wie das deutsche Christkind. Aber er kommt Nachts, wenn alle schlafen, so dass die Bescherung hier am Morgen des 25. Dezember stattfindet. Je nachdem wie aufgeregt die Kinder sind, sehr früh am Morgen. Das hat einige Vorteile: die Eltern können in aller Ruhe am Heilig Abend die Geschenke unter den Weihnachtsbaum legen und die Kinder haben den ganzen Weihnachtstag um die neuen Geschenke auszuprobieren.
Selbst der Weihnachtsbaum sieht hier anders aus. Erstens sind alle Weihnachtsbäume perfekt konisch. Da ist kein Platz für krumme Fichten. Ausserdem werden die Bäume dann so dicht mit Ornamenten aller Art geschmückt, dass man am Ende das Grün gar nicht mehr sieht. Erst dann ist ein Weihnachtsbaum hier fertig. Unter den Baum müssen möglichst viel Geschenke passen. Manche Hersteller von künstlichen Bäumen bieten sogar welche an, die man Kopf-(Spitz-)über an die Decke hängt und so den ganzen Fussboden unter dem Baum freimacht.
Die Geschenke sind hier dann doch das worum sich die Festtage drehen. Die Wochenenden im Advent, sind davon geprägt das "richtige" Geschenk für alle zu finden. Wir waren letztes Wochenende im Aquarium und es war dort angenehm leer. Wahrscheinlich waren die meisten Familien beim shoppen oder Weihnachtsbaum aussuchen. Hier zahlt es sich wirklich aus, wenn man seine Geschenke per Post über den Atlantik verschicken muss: da muss man Anfang Dezember fertig sein mit dem Einkaufen.
Der englische Brauch der "Christmas Caroling", wo mehr oder weniger talentierte Sänger durch die Nachbarschaft ziehen und a-cappella Lieder anstimmen wird auch hier praktiziert. Aus irgendeinem romantischen Grund meinen die Leute dann, das wirke nur wenn man wie in einer kitschigen Charles Dickens Verfilmung angezogen ist. Da es in kitschigen Charles Dickens Verfilmungen immer schneit und kalt ist (welches England ist das, nicht das wirkliche?) macht das hiesige Klima den Sängern in Kostüm schwer zu schaffen, sehr zur Freude der Weihnachtszyniker. Weihnachtslieder sind hier überall präsent, nicht nur in den Einkaufszentren. Die Radiosender stellen ihre Musik schon im November um, teilweise vor Thanksgiving, selbst im Flughafen, Restaurants und Fast Food spielen "Rudolph the red-nosed Reindeer" und "Jingle Bells". Nur George Michael's "Last Christmas," welches in Deutschland im Radio ohne Ende gespielt wird, vermisse ich hier. Vielleicht fehlt deshalb die Weihnachtsstimmung?
Life - posted on 12/24/05; 12:41:16 AM - Armin Briegel